Selbstbestimmung im Pflegeheim - Thema der Landeskonferenz des BELA-Netzwerks in Tübingen
Mit Pflegeheimen verbinden viele Menschen die Vorstellung eines bis ins Detail vorgegebenen Tagesablaufs, in dem es für die Bewohnerinnen und Bewohner nichts mehr zu bestimmen gibt. Dass es auch anders geht, zeigten die gut hundert anwesenden Vertreter von Pflegeeinrichtungen auf der dritten Verbundkonferenz des landesweiten Netzwerks Bürgerengagement für Lebensqualität im Alter (BELA) am vergangenen Freitag. Eine wichtige Erkenntnis lautet demnach: Das oft unbewusst gefällte Urteil „Je mehr Pflege ein Mensch braucht, desto weniger ist er in der Lage, selbst zu entscheiden“, ist falsch.
Das Leben in einem Alten- oder Pflegeheim bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen medizinischen und pflegerischen Anforderungen, wirtschaftlichen Zwängen und dem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben. Dazu müssen Bemühungen, die Selbstbestimmung in Pflegeheimen zu fördern, teilweise gegen veraltete Traditionen ankämpfen. Und sie müssen sich der Frage stellen, wie demente oder stark pflegebedürftige Menschen ihre Entscheidungen treffen und mitteilen können.
In zahlreichen Beiträgen stellten Vertreter aus Pflegeeinrichtungen beispielhafte Projekte aus ihren Häusern vor. Die Bandbreite reicht vom „Rollenden Kiosk“, der auch bettlägerigen Menschen Einkaufsmöglichkeiten und Kontakte bietet, über zeitlich sehr flexibel gestaltete Frühstücks- und Abendangebote bis zu WG-artigen Wohnkonzepten.
Bereits zuvor hatten sich die Konferenzteilnehmer in Gruppen über verschiedene Dimensionen von Selbstbestimmung verständigt. Zu den Bereichen Ernährung, Männer und Frauen, Bewegung, Spiritualität, Wohnen, kulturelle Zugehörigkeit und soziale Teilhabe im Alter wurden die wichtigsten Aussagen gesammelt und kommentiert.
Marcel Briand, Schweizer Clown, Kabarettist und gelernter Psychiatriepfleger, stellte das Prinzip der humorvollen Interaktion vor. Dabei muss manche Pflegekraft über ihren Schatten springen, weil sie sich bewusst albern verhalten soll. Auf diese Weise kann es gelingen, Menschen zu erreichen, die auf „normale“ Kommunikationsangebote kaum mehr reagieren. Briand war es auch, der in den Pausen zwischen den einzelnen Diskussionsrunden immer wieder Auszüge aus seinem Programm zeigte, dass speziell auf Alten- und Pflegeheime zugeschnitten ist.
Hermann Brandenburg, Professor an der Katholischen Fachhochschule in Freiburg, machte auf den Unterschied zwischen Selbstbestimmung und Selbstständigkeit aufmerksam. Er betonte, dass ein selbstbestimmtes Leben auch das Recht beinhaltet, auf eigene Entscheidungen zu verzichten.
Greet Pels, in den Niederlanden seit Jahrzehnten beruflich und ehrenamtlich in der Seniorenarbeit engagiert, schilderte die Situation in ihrer Heimat. Ein auffallender Unterschied zu Deutschland ist die Existenz großer Seniorenverbände, die als sozialpolitische Partner anerkannt sind.
Die landesweite Initiative BELA III unterstützt Partnerschaften und innovative Projekte zwischen ehrenamtlich Engagierten und hauptamtlichen Kräften in der Altenpflege. Dieser Blick auf das Ehrenamt in der Altenpflege soll letztlich den Senioren zu Gute kommen. Das Kürzel BELA steht für Bürgerengagement für Lebensqualität im Alter und bezeichnet ein Netzwerk von rund 100 stationären Pflegeeinrichtungen in Baden-Württemberg. Die Initiative wird gemeinsam vom Sozialministerium, von den kommunalen Landesverbänden und vom Landesseniorenrat getragen und von der Robert-Bosch-Stiftung gefördert.


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