Seelsorge heißt Wertschätzung
Die Vinzentinerin Schwester Sabine Götz ist seit vergangenen Sommer Seelsorgebeauftragte für die Region Wangen und Leutkirch/Illerwinkel, gemeinsam mit Thea Wagner, die diese Aufgabe schon länger sehr engagiert wahrnimmt. Eine Personalie, die zunächst wenig spektakulär anmutet. Doch wer sich mit Schwester Sabine unterhält, staunt: Über den außergewöhnlichen Lebenslauf der 68-Jährigen. Und über ihren Einsatz, der auch im eigentlichen Rentenalter nicht nachlässt, ganz nach dem Grundsatz des Ordensgründers Vinzenz von Paul – Liebe sei Tat.
Geboren und aufgewachsen ist Sabine Götz zusammen mit sechs Geschwistern in Heidenheim an der Brenz. Ihr Vater war Architekt. Für Schule „hatte ich keine Zeit. Ich musste meinem Vater beim Umbau des Hauses helfen“, erzählt sie mit einem verschmitzten Lächeln. So hat sie denn auch „in beiderseitigem Einverständnis“ die Zeit auf dem Gymnasium in der siebten Klasse beendet und ist auf die Hauptschule gewechselt. „Die Schule und ich, wir haben nicht so recht zueinander gepasst“, sagt sie rückblickend. Beim Vater machte sie eine Ausbildung zur Bauzeichnerin. Parallel zur Ausbildung holte sie die Mittlere Reife nach, fühlte sich erstmals von den Lehrern ernst genommen. In Biberach setzte sie die Fachhochschulreife drauf und studierte dort schließlich Architektur.
Angekommen, möchte man meinen, doch nachdem Sabine Götz einige Jahre bei ihrem Vater im Architekturbüro gearbeitet hatte, spürte sie, dass es außer Arbeit und Sport noch etwas gibt, was ihr wichtiger ist: der Glaube. Sie absolvierte nochmals ein Studium, diesmal in Freiburg, wurde Gemeindereferentin und arbeitete ab 1989 als solche in Rottweil und Stuttgart. Eine erfüllende Zeit sei das gewesen – und doch, nach mehr als zehn Jahren ging es ihr zunehmend schlechter. Für vier Wochen wollte sie ins Kloster nach Untermarchtal, durch Exerzitien zur Ruhe kommen.
Sie ging die vier Wochen ins Kloster und machte in der Zeit auch Pläne, wie es weitergehen sollte. „Doch dann kam der da oben.“ Am Pfingstsonntag habe Gott sie berufen. „Und da wusste ich, wo der Weg hingeht.“ Nach einem halben Jahr Bedenkzeit ist sie mit 47 den Vinzentinerinnen von Untermarchtal beigetreten und wurde eingekleidet. Mit 50 Jahren schließlich die Profess. Die Schwesterntracht war das äußere Zeichen für ihren neuen Lebensabschnitt. „Ich, die nie einen Rock getragen hat, nur Hosen, die in jungen Jahren Triathlon gemacht, Tennis gespielt hat, geritten ist.“ Durch die Berufung habe sie gemerkt, dass man vieles nicht mehr brauche. Für die Eltern war ihr Schritt ins Kloster nicht gleich nachvollziehbar. „Doch als ich meiner Mutter gesagt habe, dass ich mir im Augenblick nichts anderes vorstellen kann, hat sie es angenommen.“
Ab 2007 hat Schwester Sabine dann für den Orden als Gemeindereferentin in Unterschneidheim gearbeitet – „das gleiche wie vorher, nur in einem anderen Outfit und ohne Bezahlung“, wie sie mit einem verschmitzten Lachen erzählt. Es sei eine gute Zeit gewesen, in der sie zur inneren Ruhe gefunden habe. Doch Stillstand wollte „der da oben“ seiner Dienerin Sabine offenbar nicht zugestehen. Die Generaloberin fragte sie 2011, ob sie sich vorstellen könne, in der Gefängnisseelsorge zu arbeiten. Nach dem ersten spontanen „Nein“ habe sie gespürt, dass sie das machen muss, dass es das Richtige ist. „Das mit dem Wollen ist so eine Sache. Jesus wollte auch nicht gekreuzigt werden. Aber durch den Glauben lernt man, in den Willen Gottes hineinzusterben“, sagt eine nachdenkliche Schwester Sabine.
Und so war die nächste Station die Justizvollzugsanstalt in Schwäbisch Gmünd, das einzige reine Frauengefängnis in Baden-Württemberg. „Es ist nicht schön im Gefängnis, da geht es um existenzielle Dinge, um Mord, Gewalt, Drogen.“ Und sie erzählt, wie schlimm es für sie war, wenn eine Frau nach einem guten Gespräch wieder in ihrer Zelle eingeschlossen wurde. Fast 14 Jahre ist Schwester Sabine im Gefängnis den gestrauchelten Frauen beigestanden, wobei vor allem die Zeit der Pandemie und der Kontaktverbote sie viel Kraft gekostet hat. „Da habe ich mir aber gedacht: Wenn die Menschen uns brauchen, dann jetzt.“ Dennoch – manches Mal habe sie wie Don Camillo in der der leeren Gefängniskirche gestanden und laut in Richtung Kreuz gesagt: „Lieber Gott, ich habe meinen Teil getan, jetzt bist du dran!“
„Seit ich hier in Wangen bin, merke ich, wie sehr mich diese Zeit geprägt hat“, sagt sie heute. „Ich lasse nie etwas auf dem Tisch liegen und schließe meine Tür immer zweimal ab.“ Im Gefängnis herrsche eine strenge Hierarchie. Sie habe sich erst wieder in ein gemeinschaftliches System einfinden müssen. Aber sie habe auch viel gelernt. „Ich habe vor keinem Gespräch mehr Angst. Aber ich kann mich auch nicht mehr, wie damals als Gemeindereferentin, mit Fragen beschäftigen wie, ob wir zur Ersten Kommunion nun die kleinen dicken oder die langen dünnen Kerzen nehmen“, sagt sie. Dazu habe sie das Leben mit den Menschen am Rande der Gesellschaft und ihren existenziellen Problemen zu stark geprägt.
Existenziell ist ihrer Meinung nach auch der Wechsel für Senioren in das betreute Wohnen oder in eine Pflegeeinrichtung. „Da beginnt ein neuer Lebensabschnitt mit vielen Veränderungen.“ In den Einrichtungen der Vinzenz von Paul gGmbH gilt die Sorge zuallererst den Bewohnern und Gästen, deren Wohlergehen an Körper und Geist. Doch auch diejenigen, die diese Fürsorge täglich leisten, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, brauchen ab und an Zuspruch und Unterstützung. Für sie sind Schwester Sabine und Thea Wagner als Seelsorgebeauftragte vor allem zuständig und sehen sich zudem als Ansprechpartnerinnen der bestehenden Seelsorgeteams. „Was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Seniorenzentrum, der Tagespflege und der Sozialstation leisten, ist außergewöhnlich“, so Schwester Sabine. „Oft hilft es schon, seine Sorgen jemandem erzählen zu können“, berichtet Thea Wagner aus Erfahrung. Sie hat 20 Jahren Jahre lang in der Hauswirtschaft im Haus Catharina in Argenbühl-Eisenharz gearbeitet, die Hauswirtschaft dort geleitet. Seit sie vor drei Jahren in Rente gegangen ist, kümmert sie sich als Beauftragte der Seelsorge.
Die Wertschätzung steht für beide Frauen im Mittelpunkt. „An den Feiertagen über Weihnachten bin ich durch das Carl-Joseph-Seniorenzentrum in Leutkirch gegangen und habe mit den Leuten, die an den Tagen arbeiten, gesprochen“, erzählt Schwester Sabine. Oft sei es einfach wichtig, wahrgenommen zu werden. Zudem bieten Thea Wagner und sie Schulungen an zu den Themen Achtsamkeit und Selbstfürsorge, aber auch über den Umgang mit dem Tod, der im Pflegebereich eine große Rolle spielt. Die Seelsorgetage zweimal im Jahr sind bereits etabliert. Ansonsten gehen die beiden dahin, wo sie Bedarf sehen. „Man muss zu den Menschen gehen, man nennt das aufsuchende Seelsorge“, so Schwerster Sabine. „Und, man muss im Gespräch bleiben, Gespräche anregen, auch wenn es Differenzen gibt“, schließt Thea Wagner. Schließlich hätten sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft bewusst für eine kirchliche Einrichtung entschieden. „Und unsere Seelsorge ist hoffentlich das „mehr“ für sie!“